Stellungnahme zu "Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Kernkraftwerke" von Dr. Alfred Körblein, 4.7.2001, Umweltinstitut München e.V.
Daten
Die von Herrn Dr. Körblein verwendeten Daten, nämlich die kreisweisen Inzidenzen an kindlichen Malignomen (Alter 0-14) in Bayern aus den Jahren 1983-1998 stammen aus dem Kinderkrebsregister und sind, soweit uns Erkenntnisse dazu vorliegen, auf dem Stand von 1999 korrekt. (Das Bundesamt für Strahlenschutz hat diese Daten im Sommer 1999 letztmalig von uns angefordert und auch erhalten.)
Die genauen Gründe für die Auswahl des Zeitraums 1983-99 wurden nicht angegeben, vermutlich handelt es sich um das Maximum, das dem BfS vorlag. Ausgewertet wurden nur Daten für alle Malignome, obwohl dem BfS von uns auch Daten in Diagnosegruppen zur Verfügung gestellt werden.
Dazu ist anzumerken, dass nicht für alle kindlichen Krebserkrankungen in gleichem Maße ionisierende Strahlen als mögliche Risikofaktoren diskutiert werden. Aus diesem Grunde ist es immer sinnvoll, die am ehesten betroffene Gruppe der Leukämiekranken separat zu betrachten. Bei den übrigen Erkrankungen handelt es sich um eine heterogene Mischung aus Krebstypen, für die eine Reihe weiterer Risikofaktoren, wie z.B. die Embryogenese (z. B. Neuroblastom), virale Infektionen (z. B. Non-Hodgkin Lymphome) oder hormonelle Zusammenhänge (z. B. Keimzelltumoren) diskutiert werden. Anzumerken ist außerdem, dass hier die sehr heterogene Gruppe der Hirntumoren enthalten ist, die einzige Diagnosegruppe für die das Kinderkrebsregister keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. In diesem Zusammenhang wird von uns in den alljährlichen, für die interessierte Öffentlichkeit vollständig im Internet verfügbaren Berichten (www.kinderkrebsregister.de), immer wieder darauf hingewiesen, dass nicht nur die Erfassung unvollständig ist, sondern auch der Grad der Erfassung regional unterschiedlich unvollständig (aufgrund der Meldegepflogenheiten und Einzugsgebiete spezialisierter Kliniken).
Die Auswertung auf Landkreisen zu basieren ist im Vergleich zu der von uns geübten Praxis konzentrische Kreise aus Gemeinden zu bilden relativ grob. Die Auswahl der ausgewerteten Landkreise haben wir nicht im einzelnen überprüft, die Argumentation Standort plus Nachbar plus östlicher Nachbar ist jedoch nachvollziehbar. Inwieweit eine abweichende Definition die Ergebnisse beeinflusst hätte, haben wir nicht überprüft.
Zusätzlich zu dem von Herrn Dr. Körblein gewählten Datensatz haben wir die Leukämien im von ihm genannten Zeitraum sowie beides nochmals für die letzten 10 Jahre, also den aktuellen Zeitraum untersucht.
Methoden
Herr Dr. Körblein hat nicht die Rohdaten (Erkrankungszahlen und Bevölkerungszahlen) zur Auswertung verwendet, sondern ausschließlich eine abgeleitete Größe, das SIR (Standardisiertes Inzidenzverhältnis). Die Bezeichnung als "RR" in dem Text ist irreführend. Das SIR dient gewöhnlich dem Vergleich einer Region mit Deutschland gesamt in Form eines Faktors nach Berücksichtigung der möglicherweise abweichenden Alterszusammensetzung der kindlichen Bevölkerung (standardisiert).
Diese Größe hat er in einem linearen Modell durch einen Indikator für die Bevölkerungsdichte und einen Indikator für die KKW-Region angepasst. Zunächst muss angemerkt werden, dass diese Vorgehensweise nicht gestattet, die Kreise nach Einwohnerzahl zu gewichten, sondern die Resultate in Kreisen mit kleiner Bevölkerung genauso bewertet, wie die in großen. Erfahrungsgemäß sind bei wenigen Fällen "extremere" SIR's öfter zu beobachten als in Großstädten.
Weiterhin ist eine lineare Regression für eine Faktorgröße methodisch prinzipiell ungeeignet. Dazu muss man sich nur überlegen, dass bei einem Faktor der "Abstand" zwischen z. B. 0.5 und 1 (Halbierung) und 2 und 1 (Verdoppelung) im Prinzip derselbe ist, aber in einem linearen Modell erscheint er doppelt so groß. Extremer wird es für 0.33 und 3 usw. Daher ist die Mindestforderung bei einer solchen, an sich methodisch nicht korrekten Vorgehensweise, die Werte vor der Regression zu logarithmieren, denn log (a/b)=log(a)-log(b), damit sind jetzt die Abstände unter und über 1 gleich. Am saubersten ist eine Vorgehensweise mit Poisson-Regression (log-linear), wo die absoluten Zahlen in Bezug zu einem Offsetwert "Bevölkerungsgröße" angepasst werden, nach Möglichkeit für die Altersklassen getrennt.
Wir haben konkret Herrn Dr. Körbleins Rechnungsweise wiederholt (A), alternativ mit log-transformierte Daten (B) und einer leicht vergröberten log-linearen Rechnungsweise mit absoluten Zahlen, allerdings über die Altersklassen zusammengefasst (C). Letzteres dürfte wenig Auswirkungen haben, da von deutlich unterschiedlichem Altersaufbau der kindlichen Bevölkerung in bayrischen Kreisen nicht ausgegangen werden muss.
Herr Dr. Körblein hat in einem ebenso einfachen wie einleuchtenden Ansatz versucht, das bekannte Stadt-Land-Gefälle bei der kindlichen Krebsinzidenz über einen 4-stufigen Bevölkerungsdichteindikator zu berücksichtigen. In unserer Kernkraftwerksstudie (1,2) haben wir einen ähnlichen Ansatz verfolgt, indem wir die jeweiligen Vergleichsregionen aus einer Region mit gleichem Urbanitätsgrad wie die Kernkraftwerksregion ausgewählt haben. Zur Definition des "Urbanitätsgrades" siehe (3). Diese dreistufige Variable (städtisch, ländlich, Mischbereich) haben wir in den Nachrechnungen nun alternativ verwendet, da uns Daten zur Bevölkerungsdichte aktuell nicht zur Verfügung standen und der Urbanitätsgrad im Prinzip eine geeignete Adjustierungsgröße bildet.
Resultate
Tabelle1: Zusammengefasste SIR der KKW-Regionen
|
Zeitraum |
Alle Malignome |
Leukämien |
||||
|
|
SIR |
95%-Konfidenzintervall |
einseitiger p-Wert* |
SIR |
95%-Konfidenzintervall |
einseitiger p-Wert* |
|
1983-98 |
1.10 |
[0.99-1.22] |
0.03 |
1.01 |
[0.83-1.21] |
0.48 |
|
1991-2000 |
1.05 |
[0.93-1.19] |
0.21 |
0.86 |
[0.67-1.10] |
0.90 |
*) Testet nur auf Inzidenzerhöhungen
Aus dieser Darstellung ist erkennbar, dass die ausgewählten Kreise in beiden Zeiträumen und sowohl für alle Malignome als auch für Leukämien nicht überzufällig vom bundesdeutschen Durchschnitt abweichen, außer der knapp signifikanten Erhöhung für alle Malignome im Zeitraum 1983-98. Bemerkenswert ist, dass der aktuelle SIR-Wert für die Leukämien tendenziell deutlich erniedrigt ist.
Der von Herrn Dr. Körblein als "Schätzwert für C5" bezeichnete Wert ist interpretierbar als die mittlere prozentuale Erhöhung des SIR in den Kernkraftwerksregionen bezogen auf die mittlere Abweichung Bayerns von der Gesamt BRD (die vernachlässigbar klein ist, <0.1%) korrigiert für die Bevölkerungsdichte. Berichtet wurden von ihm für den Zeitraum 1983-98 und alle Malignome 20% (p=0.0018, einseitig).
Tabelle 2: Neurechung der mittleren prozentualen Abweichung der Inzidenzen in bayrischen Kernkraftwerksregionen korrigiert für die Gebietstypzuordnung.
Drei Varianten der Rechnung: lineare Regression nach Körblein (A), lineare Regression mit log-transformierten Daten (B), log-lineare Regression (C).
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(A) |
(B) |
(C ) |
|||
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Zeitraum |
Diagnose-gruppe |
prozentuale Abweichung |
p-Wert (einseitig)* |
prozentuale Abweichung |
p-Wert (einseitig)* |
prozentuale Abweichung |
p-Wert (einseitig)* |
|
1983-98 |
Alle Malignome |
18% |
0.0032 |
22% |
0.0040 |
18% |
0.0023 |
|
1991-2000 |
Alle Malignome |
8% |
0.15 |
11% |
0.12 |
9% |
0.11 |
|
1983-98 |
Leukämien |
7% |
0.28 |
9% |
0.24 |
3% |
0.40 |
|
1991-2000 |
Leukämien |
-10% |
0.63 |
-4% |
0.61 |
-3% |
0.88 |
*) Testet nur auf Inzidenzerhöhungen
Insgesamt ergeben sich für die verschiedenen methodischen Ansätze nur geringfügige Unterschiede. Dies hängt damit zusammen, dass die verwendeten SIR-Größen allesamt nahe an 1 liegen und sich die Bevölkerungsgröße bayrischer Kreise, abgesehen von den wenigen Großstädten, nicht sehr erheblich voneinander unterscheiden. Die beschriebenen Verzerrungsmöglichkeiten kommen daher wenig zum Tragen.
Tatsächlich können wir für den von Herrn Dr. Körblein gewählten Zeitraum und die gewählte Diagnosegruppe die signifikante, knapp 20%-ige Erhöhung bestätigen.
Der Grund, warum dies in scheinbarem Widerspruch zu den SIR-Resultaten steht, liegt darin, dass 7 der 9 KKW-Landkreise ländlich sind, nur zwei "Mischgebiet", und das Gesamt-SIR stark von der größeren städtischen Bevölkerung beeinflusst wird. Die Inzidenz in städtischen Regionen lag in diesen Rechnungen je nach Betrachtungsweise 6-20% oberhalb derjenigen auf dem Lande. Die Regressionsrechnung korrigiert für die Siedlungsstruktur führt dazu, dass die KKW-Kreise gewissermaßen nur mit anderen ländlichen Kreisen mit im Vergleich zu Deutschland unterdurchschnittlicher Inzidenz verglichen werden.
Im aktuellen Zeitraum besteht jedoch keine auffällige Erhöhung mehr, rund 10% Abweichung liegen klar nicht signifikant innerhalb der zufälligen statistischen Schwankung.
Für die Leukämien finden wir in beiden Zeiträumen nur rein zufällige Abweichungen in einer Größenordnung von maximal ± 10%.
Schlussfolgerung
Trotz gewisser methodischer Schwächen hat Herr Dr. Körblein die ihm vorliegenden Daten im Prinzip angemessen ausgewertet, die von ihm festgestellte quantitative Bewertung können wir bestätigen. Eine Korrektur für die Besiedlungsdichte oder -struktur ist sinnvoll. Jedoch handelt es sich bei seinem Ergebnis um einen einzelnen, isolierten Wert, den wir in der Gesamtbetrachtung als zufällig aufgetreten bewerten müssen. Hierzu möchten wir auch auf eine weitere Stellungnahme zur allgemeinen Vorgehensweise des Herrn Dr. Körblein und dessen Analysen verweisen. Es gibt aus dem neueren Datenmaterial und auf Basis der relevanteren Gruppe der Leukämien keinen Hinweis auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern in der Umgebung von Kernkraftwerken in Bayern. Hierbei ist besonderes Gewicht auf die Leukämien zu legen, die als feinster Indikator für eine potentielle Strahlenbelastung angesehen werden können, und zu keinem der untersuchten Zeiträume eine auffällige Tendenz zeigten.
Mainz, den 6. August 2001
Deutsches Kinderkrebsregister
- Kaatsch, P., Kaletsch, U., Meinert, R., Michaelis, J. An extended study on childhood malignancies in the vicinity of German nuclear power plants. Cancer Causes Control 9, 529-33, 1998.
- Kaletsch, U., Meinert, R., Miesner, A., Hoisl, M., Kaatsch, P., Michaelis, J. Epidemiologische Studien zum Auftreten von Leukämieerkrankungen bei Kindern in Deutschland, Schriftenreihe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU-1997-489, GFM Dossenheim 1997.
- Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung. Siedlungsstrukturelle Gemeindetypen für die Raumbeobachtung. BfLR-Mitteilungen, 1993; 6-7.

